Dirndl von Julia Trentini: Ein Stück Sissi in das Jetzt übertragen

Heimat ist eines der wichtigsten Dinge im Leben der Designerin Julia Trentini. Im Interview erzählt sie von ihrer Kindheit, ihrer Verbundenheit zur Tracht und wieso klassische Dirndl immer noch die Schönsten sind.

Christian BehnkePhone: 0044 (0) 7958 488 495look@christianbehnke.com

Designerin Julia Trentini (c) Christian Behnke

Eigentlich frage ich die Designer immer, was ihr erstes Dirndl war, aber bei Ihnen bin ich mir jetzt gar nicht sicher. Ich habe nämlich in einem Interview gelesen, sie haben gar kein eigenes Dirndl?
JT: „ Das ist so nicht ganz richtig. Ich habe kein Lieblingsdirndl aber mein Schrank ist voll von Trachtenmodellen. Dirndl trage ich schon von klein auf! Meine Eltern hatten einen kleinen Bauernhof in Österreich, wo wir stets einen Teil unserer Ferien verbracht haben. Dort hat mir die ansässige Dorf-Schneiderin regelmäßig neue Dirndl genäht, die ich mit großer Begeisterung getragen habe. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“

Wie sind Sie dazu gekommen, Dirndl zu designen?
JT: „Ich hatte schon immer eine hohe Affinität zum bayerischem und traditionellem Brauchtum. Da lag es nach dem ESMOD-Studium dann für mich nahe, eine Trachtenkollektion zu entwerfen. So konnte ich beide Vorlieben miteinander verbinden, meine Passion, den Stil vergangener Jahrhunderte für die heutige Zeit wieder tragbar zu machen, quasi zum Beruf machen und ein Stück Sissi in die Jetzt-Zeit übertragen und neu interpretieren.“

Was fasziniert Sie an Dirndl, was ist so besonders?
JT: „Ein Dirndl setzt die weiblichen Vorzüge einfach perfekt in Szene. Selbst, wenn Frau hier oder da ein paar Wohlfühl-Kilos zu viel zu haben meint, dieses Kleidungsstück verzeiht alles, bringt uns zum Strahlen und macht einfach schön!“

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Dirndl Hanni 659 Euro

Was sind für sie No-Gos beim Dirndl, was würden sie nie in ihre Dirndl einarbeiten?
JT: „Wenn Trachten und die Wiesn mit Fasching verwechselt wird, die Dirndl zu bunt sind. Die Wiesn ist ein Volksfest, aber kein Karneval. Ferner nehme ich Abstand von Leo- und Tigermustern, Federn oder Strass, wenn die Bluse im Carmen Stil über die Schultern gezogen wird und wenn die Modelle nicht wertig und schlecht verarbeitet sind. Ich würde niemals Reißverschlüsse auf der Vorderseite einarbeiten und verwende aussschließlich hochwertiges Material im Knöpfchen-, Haken oder Bortenbereich. Ebenso verzichte ich auf zu kurze oder Bandeaudirndl. Eben einfach alles, was aus meiner Sicht mit einem klassischen Dirndl nichts zu tun hat.“

Was bedeutet es persönlich für Sie, Dirndl zu tragen?
JT: „Heimatliebe. Kindheitserinnerungen. Tradition.“

Sie haben seit 2006 Ihr eigenes Label, wollten aber eigentlich nie selbstständig werden. Wie kam es dazu?
JT: „Angefangen hat alles damit, dass ich Dirndl für meine Freundinnen geschneidert habe, weil mir nichts gefallen hat, was es zum Kaufen gab. Als daraus immer mehr „Aufträge“ folgten dachte ich mir, warum es nicht doch versuchen. Dann ging es irgendwie ganz schnell. Ich habe ein Gewerbe angemeldet und schwupps, war ich dabei.“

Wie lange machen Sie schon Dirndl?
JT: „Ich habe von klein auf genäht, eigene Entwürfe angefertigt und Kleider aus Modebildbänden, besonders, vor allem und bevorzugt aus Bildbänden von Kaiserin Sissi nachgezeichnet und nach meiner eigenen Facon nachgestellt. Denn ich war fasziniert von den prächtigen Kleidern.“

Gibt es spezielle Merkmale, die nur Ihre Dirndl haben?
JT: „Der Herzschlag eines Trentini Dirndl setzt sich zusammen aus den drei Schlüsseln Qualität, Passform und Verarbeitung. Ganz wichtig ist mir eine erstklassige Passform. Ein gutes Dirndl sollte wie eine zweite Haut sitzen, das richtige Proportionsverhältnis haben und besonders im Taillen-Brust-Verhältnis vorteilhaft und korrekt gearbeitet sein.

Was bedeutet das konkret?
Im Feld der Verarbeitung wenden wir für unsere Modelle zwei höchst traditionelle Verarbeitungsformen an: um den Dirndl ein hohes Maß an Lebendigkeit und eine ideale Passform zu verleihen, arbeiten wir nahezu ausnahmslos mit Rosshaareinlagen zwischen Oberstoff und Futter, der traditionell hochwertigsten Verarbeitungsform. Darüber hinaus arbeiten wir mit einer sehr klassischen Verarbeitungstechnik, dem Hand-Stifteln von Schürzen. Hierbei wird die Schürze in langwierig-liebevoller Handarbeit in Stiftelfalten gezogen. Und ich lege wirklich höchsten Wert auf eine einwandfreie Verarbeitung: hängende Fäden, nicht akkurat genähte Säume, Schürzen mit losen Perlen oder Pailletten gibt es bei uns nicht. Wo Trentini drauf steht, muss auch Trentini drin sein. Und was bislang sicher nur Trentini hat: wir haben letztes Jahr als erstes Trachtenlabel ein Sammler-Edition auf den Markt gebracht. Die Kollektion „Meine Tracht – eine Klassik Edition von Julia Trentini“ wird jede Saison um genau ein traditionsreiches Dirndl aus einer österreichischen oder bayerischen Region in streng limitierter Stückzahl ergänzt.“

Wie viel kostet ein Dirndl bei ihnen?
JT: „Unsere Preisrange ist bewusst breit angelegt. Unsere Fräulein Trentini Dirndl samt Schürze beginnen bei 329 Euro und bewegen sich dann in mehreren Abstufungen. Bei maßgeschneiderten Dirndl aus unserer Trentini Couture Linie sind wir uns dann in einem etwas höheren Preissegment, aber hier sprechen wir auch von der höchsten Stufe der individuellsten Fertigung von Hand – sogar die Stoffe können in der Webung selbst von unserer Kundinnen bestimmt werden.“

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Dirndl Hanni 349 Euro

Woher nehmen sie ihre Inspiration? Ich habe gelesen, Ihre Dirndl sind eine Hommage an ihre Mama, an Ihre Kindheit am Tegernsee.
JT: „Die letzte Kollektion ist meiner Mama gewidmet, das ist korrekt. Aber die Inspirationen für die Kollektionen passieren sonst über das ganze Jahr hindurch. Beim Gespräch mit Freundinnen oder meinen Kolleginnen, wenn ich auf der Straße jemanden sehe, der neue Farbkombinationen trägt, die ich so vielleicht noch nicht kannte. Es passiert beim Filme schauen, wenn ich Musik höre, in einer Zeitschrift blättere, Kunst betrachte. Das sind ganz unvorhergesehene Momente. Manchmal recherchiere ich aber auch gezielt im Internet nach Moods und Stilen aus verschiedenen Epochen und dann ist da plötzlich, das Wissen und dieses innere Bild, dass SO meine nächste Kollektion aussehen wird.

Sind Sie sehr heimatverbunden?
JT: „ Aus tiefster Seele und Überzeugung, ja!“

Gibt es andere Designer die Sie bewundern?
JT: „Es gibt so viele tolle Marken und Designer, aber mich beeindruckt nicht in erster Linie ein Label, sondern das Produkt, ein Schnitt, die Qualität oder die Machart. Da steht der Name im Hintergrund. Zudem mixe ich liebend gerne verschiedene Stile und Stilrichtungen.“

Sarah Jessica Parker hat ja bereits ein Dirndl von Ihnen. Welche bekannten Leute tragen sonst Ihre Dirndl?
JT:„Erfreulicherweise wächst die Zahl der Frauen, die Trentini mögen und tragen von Jahr zu Jahr – ob medial bekannt oder nicht, ist da eher zweitrangig. Denn zu unserer Philosophie gehört es auch, die Kunden nicht nach außen zu tragen.“!

Was war die schönste Erfahrung in ihrem Beruf?
JT: „Das kann ich nicht explizit sagen. Gott sei Dank hören die Tage bis jetzt nicht auf, an denen mir bewusst wird, ich habe genau den richtigen Weg für mich gewählt, denn es gibt so viele besondere Augenblicke. Aber ein wirklich ausnehmend schöner Moment ist für mich jedesmal, wenn eine Braut in spe sich bei der ersten Anprobe zum ersten Mal in ihrem Hochzeitsdirndl sieht, vor den Spiegel tritt, sich leise hin- und herwiegt und dann die innere Angespanntheit einem strahlenden Lächeln weicht … das sind Augenblicke, die mich zutiefst berühren!“

Was ist ihr nächstes berufliches Ziel?
JT: „Ich kann mir gut vorstellen künftig ganz ausgewählt Trachten für Kinder zu fertigen und meine Marke insofern auszubauen, dass wir den Alltags Bereich der Jacken, Janker, Strickcardigans, Kaschmirmodellen etc. weiter entwickeln und noch alltagstauglicher gestalten denn wir merken, dass hiernach das ganze Jahr eine Nachfrage besteht, erfreulicherweise mit steigender Tendenz.“

Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
JT: „Ich bin ein eher leiser Mensch, sprich bin nicht so gerne im Vordergrund oder Mittelpunkt. Am liebsten bin ich zusammen mit meiner Familie, meinen Freunden und Kollegen. Da bin ich absolut gesellig, liebe es zu kochen, wenn es die Zeit zulässt Freunde einzuladen, zu lachen und zu reden – einfach in Gesellschaft zu sein. Darüber hinaus lese ich gerne ein gutes Buch und liebe alles, was mit Architektur zu tun hat. Wenn ich nicht auf die ESMOD gegangen wäre, hätte ich nämlich Architektur studiert!“

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Dirndl Maria 899 Euro

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Walkjacke Gloria 249 Euro

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